Wir verabschieden uns —– und das ist gut so!

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Es wird keinen Platz für Nazis geben | (C) Die Robse/www.jugendfotos.de

2011 wurde Schwandorf gegen Neonazis als Reaktion auf starke rechtsextreme Aktivitäten in der Stadt gegründet. Nun, über drei Jahre später, ist die örtliche Szene zerbrochen. Unser Projekt hat sich damit (vorerst) überflüssig gemacht. Und das ist gut so. Ein Abschied.

Von Johannes Hartl

Als Schwandorf gegen Neonazis 2011 gegründet wurde, war die rechtsextreme Szene in der Stadt aktiv wie selten zuvor. Neben Aktionen propagandistischer Art fielen die Anhänger der zu dieser Zeit noch unter dem Namen „Widerstand Schwandorf“ bekannten Gruppierung vor allem mit Demonstrationen auf. Eine der wohl prägnantesten Aufmärsche, der nachhaltig für Entsetzen in der Großen Kreisstadt gesorgt hat, ereignete sich am 17. April eben dieses Jahres. Damals sind 40 Neonazis nach einer Kundgebung in der Fichtelanlage mit brennenden Fackeln durch die eigens von der Polizei großräumig abgesperrte Wackersdorfer Straße marschiert – ausgerechnet an dem Tag, der den Opfern des Zweiten Weltkriegs gedenken sollte.

Dieser abscheuliche Aufmarsch, der teils düstere Erinnerungen geweckt hat, sorgte aber nicht nur für berechtigtes Entsetzen und Kritik an den Behörden — er war auch der Anstoß für die Gründung von Schwandorf gegen Neonazis. Ziel dieses Projekts sollte es sein, aus journalistischer Perspektive die rechte Szene in der Stadt in den Blick zu nehmen, um sie zu analysieren und letztlich auch zu entlarven. Denn, so lautet unser Credo bis heute, nur eine informierte Öffentlichkeit ist auch in der Lage, den Feinden der Demokratie wirksam entgegenzutreten. Mit dieser Philosophie haben wir noch im selben Monat, also im April des Jahres 2011, unser Projekt gestartet: Schwandorf gegen Neonazis war geboren!

Seitdem ist viel passiert. Zunächst fanden unsere Berichte natürlich keine besonders große Resonanz; wir waren ja ein erst neu gegründetes und deshalb noch ziemlich unbekanntes Projekt. Doch im Laufe der Zeit steigerte sich die Zahl unserer Leser kontinuierlich, und mit den neuen Lesern stieg auch die Aufmerksamkeit für unsere Berichterstattung. Schnell etablierte sich ein fester Leserkreis, der unsere Veröffentlichungen nicht nur online aufmerksam verfolgte, sondern sich auch abseits des Internet solidarisch mit unserer Website erklärt hat.

Bestärkt durch diese Unterstützung konnten wir mit unserer Berichten innerhalb kurzer Zeit eine breite Palette an Themen abdecken. So berichteten wir unter anderem wiederholt über die Pläne der lokalen Neonazi-Szene in Schwandorf, enthüllten die Drohung eines seinerzeit bekannten NPD-Funktionärs gegen ein 9/11-Memorial in Oberviechtach, beleuchteten die Absichten hinter zahlriechen Hetzkampagnen und veröffentlichten Überblicke zu dem damals noch in Wackersdorf ansässigen Szene-Versand „Final Resistance“ sowie über die Einbindung von Schwandorfer Kadern in ein bayern- und bundesweites rechtsextremes Netzwerk.

Bereits acht Monate nach der Gründung, im Dezember 2011, wurde Schwandorf gegen Neonazis dann für seine Arbeit mit dem Hans-Weber-Preis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Bei einer feierlichen Veranstaltung würdige die Regensburger SPD damals unser Projekt gemeinsam mit zwei anderen Initiativen mit einem Preisgeld von 1.000 Euro, das wir sowohl für die Deckung der (relativ geringen) Kosten für den Betrieb der Homepage als auch für die anfallenden Recherchekosten (etwa die Reise zu Veranstaltungen) aufgewendet haben.

Im Zuge der Auszeichnung steigerte sich die Bekanntheit unseres Projekts signifikant, nachdem diverse lokale Medien über die Preisverleihung berichtet haben. Für Schwandorf gegen Neonazis hatte dies einen starken Zuwachs an Leserzahlen zur Folge. Zudem erhielten wir in dieser Zeit viel Lob und Anerkennung sowie hilfreiche Ratschläge und Hinweise, von denen unser Projekt nachhaltig profitiert hat. Diese große Unterstützung hat uns in unserem Vorhaben, unsere Aufklärungsarbeit über rechte Umtriebe in der Stadt fortzusetzen, sehr ermutigt.

Dass dies auch bitter nötig war, zeigte sich schließlich eine Woche nach der Auszeichnung, als einen Tag nach der Gedenkfeier für die Opfer des Brandanschlags auf das Habermeier-Haus 60 Neonazis gegen „linke Medienhetze“ durch Schwandorf marschiert sind. Obwohl der Aufmarsch durch einen Panne im Landratsamt erst wenige Stunden vorher bekannte wurde, fanden sich innerhalb kurzer Zeit über 40 Gegendemonstranten ein, die der menschenverachtenden Hetze Paroli boten. Schwandorf gegen Neonazis war im Vorfeld der Aktion maßgeblich daran beteiligt, dass der Aufmarsch doch noch von Gegenprotesten begleitet wurde. Zudem berichteten wir vor Ort von dem Aufzug und später auch über die Entschuldigung des Landratsamts für den Fehler, durch den niemand von dem Aufzug erfahren hat.

Für die Neonazis sind wir damit schnell unangenehm geworden. Mehrfach wurden wir im Folgenden auf einschlägigen Websites diffamiert und mit Bildern angeprangert; die Veröffentlichungen kamen einem Steckbrief gleich. Diese Hetze blieb nicht folgenlos: Bei Aufmärschen wurden wir offen angefeindet, unsere Autoren sollten mit Drohungen eingeschüchtert und in ihrer Arbeit behindert werden. Und sogar abseits von ihren Aktionen versuchten die rechtsextremen Kader – teils subtil, teils ganz offen –, uns einzuschüchtern. Erfolg hatten diese Drohgebärden aber nicht — im Gegenteil: Je stärker wir angefeindet wurden, desto mehr wurden wir in unserer Arbeit bestärkt. Denn wenn die Szene schon mit Drohungen auf unsere diversen Recherchen und Veröffentlichungen reagieren musste, dann haben wir sie in ihrer Ungestörtheit offenbar stark beeinträchtigt — was ja stets Ziel unserer Berichte war!

Als Reaktion auf diese Einschüchterungsversuche haben wir unsere Arbeit umso intensiver fortgeführt, wobei wir in den kommenden Monaten viele Erfolge für uns verbuchen konnten: So entlarvten wir mit zwei Berichten die Strategie hinter der Gründung der „Bürgeriniative Soziale Alternative Oberpfalz“, thematisieren die Hintergründe von rechten Propagandaaktionen und konnten über den Jubel eines bekannten Neonazis über mehrere von Unbekannten angebrachte rechtsextreme Graffitis berichten. Für uns waren diese Veröffentlichungen große Erfolge, denn sie haben unter anderem mit dazu beigetragen, alle Tarnversuche der Szene von vorneherein im Keim zu sticken. Außerdem konnten an Beispielen aufzeigen, welche Menschenverachtung Neonazis auch in Schwandorf aktiv zu vertreten versuchen.

Zuletzt sind Aktivitäten der Neonazis in der Großen Kreisstadt erfreulicherweise stark zurückgegangen. Abgesehen von einer Demonstration im März und Propagandaaktionen im August und September 2012 trat die Szene praktisch nicht mehr in Erscheinung. Auch die selbsternannte „Bürgerinitiative“ war nach einer Eintragung ins Vereinsregister vollständig zerbrochen; bei den Kommunalwahlen 2013 hat sie gleich überhaupt nicht mehr versucht, in irgendeinem Ort in der Oberpfalz anzutreten. Bereits lange vor der Razzia gegen das Neonazi-Netzwerk „Freies Netz Süd“ im Juli 2013, von der auch Schwandorf betroffen war, hat es überhaupt keine Aktivitäten mehr gegeben; selbst kleine Flugblattverteilungen fanden nicht mehr statt — inzwischen liegt die Szene sogar seit mehr als zwei Jahren vollkommen brach. Zu verdanken ist dies in erster Linie den Mitgliedern des Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus, die den Neonazis bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit Widerstand geleistet haben, sodass Aktionen für die Szene mehr und mehr zu einem Debakel geworden sind.

Aus diesem Grund ist es für uns, drei Jahre nach der Gründung, an der Zeit, sich zu verabschieden. Denn Schwandorf gegen Neonazis war von Anfang an nur als ein Projekt auf Zeit konzipiert — mit dem Ziel, dass es sich eines Tages überflüssig macht. Nachdem die Szene nun seit langer Zeit zerbrochen ist und es in den letzten Jahren nur mehr sporadisch beziehungsweise überhaupt nichts mehr zu berichten gab, gibt es dafür also keine Notwendigkeit mehr. Für uns ist dies aber ein Abschied ganz ohne Wehmut: Nach über dreijährigem Bestehen können wir nämlich eine positive Bilanz ziehen. Schließlich ist es uns mit unserer Website gelungen, auf das Problem Rechtsextremismus aufmerksam zu machen und die demokratische Öffentlichkeit mit hilfreichen Informationen zu versorgen, die letztlich auch einen Beitrag zum Widerstand gegen solche Umtriebe geleistet haben. Obwohl das Thema natürlich alles andere als schön war, hat es uns unsere Arbeit trotzdem viel Spaß gemacht — gerade auch wegen der vielen Kontakte, die wir dabei knüpfen konnten, und der freundlichen Unterstützung, die wir erfahren haben. Und nicht zuletzt auch deshalb, weil es für uns eine überaus große Freude war, zu sehen, wie die Bürger der Stadt im Zweifelsfall zusammenhalten.

Unser Dank gilt zum Schluss daher allen Engagierten, die sich stets erhoben haben und den Neonazis entgegengetreten sind, all jenen, die sich nicht haben einschüchtern lassen und die für eine offene und pluralistische Gesellschaft eingetreten sind. Aber unser Dank gilt selbstverständlich auch allen, die uns immer tatkräftig unterstützt haben, die uns mit Rat zur Seite standen, die uns Mut zugesprochen haben, wann immer es nötig war, und auch denjenigen, die unsere Veröffentlichungen verfolgt haben. Und ein besonderer Dank gilt natürlich unseren Autorinnen und Autoren, die uns ihre Artikel überlassen haben. Sie alle haben großen einen Einfluss auf unser Projekt ausgeübt, der es überhaupt erst zu einem Erfolg machen konnte.

In diesem Sinne: Vielen Dank für die letzten Jahre!

P.S.: Neonazis sollen sich trotzdem nicht sicher fühlen. Falls auch nur die kleinsten Aktivitäten entfaltet werden sollten, kann dieses Projekt jederzeit wieder reaktiviert werden — und dann würden wir ihnen das Leben wieder genauso schwer machen, wie wir das in den drei Jahren bereits getan haben. Etwaige Aktivitäten verfolgen wir nämlich weiter mit Argusaugen. 

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Ein Gedanke zu “Wir verabschieden uns —– und das ist gut so!

  1. F1-Racer schreibt:

    Servus zusammen 😉
    Das ist extrem erfreulich zu lesen, dass sich diese Aktion gelohnt hat! Es war ja ohnehin das Ziel, dass sich die Aktion früher oder später „überflüssig“ macht.
    Dann hoffen wir alle mal, dass es hier in der Naziszene weiterhin keine Vorkommnisse mehr gibt und sie sich wirklich endlich in Luft aufgelöst hat! Dass wäre ein voller Erfolg! 🙂

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