Lesung aus der Bibliothek der verbrannten Bücher in der Stadtbibliothek Schwandorf

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Mehr als 50 Bürgerinnen und Bürger lauschten am Freihabend der Lesung in der Stadtbibliothek | © Hartl

Mehr als 50 Menschen folgten am Freitagabend einer Einladung zur Lesung aus der „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in der Stadtbibliothek Schwandorf. Damit wurde an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten vor genau 80 Jahren erinnert.

Von Johannes Hartl

Heute vor genau 80 Jahren wurden in beinahe allen Universitätsstädten Deutschlands durch das nationalsozialistische Terrorregime öffentlich die Bücher von jüdischen und politisch unliebsamen Autorinnen und Autoren verbrannt – am 12. Mai 1933 auch protestlos in Regensburg. Beinahe prophetisch stellte der bedeutende Schriftsteller Heinrich Heine dazu schon 110 Jahre zuvor fest: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Obwohl Heines Zitat nicht zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesprochen wurde, traf sein Satz traurigerweise trotzdem zu: Am Ende forderte das nationalsozialistische Terrorregime auf unvorstellbar grausame Art den Tod von Millionen Menschen.

Zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 fand am Freitagabend auch in der Stadtbibliothek Schwandorf eine Lesung aus der „Bibliothek der verbrannten Bücher“ statt, der deutlich mehr Bürgerinnen und Bürger als erwartet gelauscht haben. Zwischenzeitlich war der Andrang sogar derart groß, dass weitere Stühle benötigt worden sind. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium, dem Bibliothekar Alfred Wolfsteiner, Oberbürgermeister Helmut Hey, Landrat Volker Liedtke, Monika Kalischek und Studiendirektor Erich Zweck sowie den beiden Journalisten Thomas Dobler und Hubert Heinzl wurde aus den Büchern der Autorinnen und Autoren gelesen, die der nationalsozialistischen Bücherverbrennung vor 80 Jahren zum Opfer gefallen sind.

„Die Gefahr des Vergessens wächst, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Bald werden viele Zeitzeugen und Opfer des NS-Regimes tot sein“, sagte der Schwandorfer SPD-Landtagsabgeordnete Franz Schindler bei der Begrüßung. Deshalb sei es umso bedeutender, an die Gräueltaten der Nationalsozialisten und an deren Opfer auf angemessene Art zu erinnern. Wenn man die Zeitfolge hin zur Machtübernahme durch die Nazis betrachtet, so Schindler, dann erscheine diese aus heutiger Sicht „fast zwangsläufig“. Aber dieser Eindruck trüge. „Es ist falsch, so zu tun, als hätte es damals keinen Auswege gegeben“, sagte Schindler. Die Gründe für die Machtübernahme hätten längst nicht nur etwa in der Angst vor der damaligen Arbeitslosigkeit gelegen, sondern auch am „Versagen der Professoren und der Politik“. Damit sich etwas derartiges heute nie mehr wiederholen kann, sind alle Demokratinnen und Demokraten aufgefordert, „Antisemitismus,  Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entgegenzutreten“, schloss der SPD-Landtagsabgeordnete seine Begrüßungsrede.

In Schwandorf selbst seien zur Zeit des Nationalsozialismus aber keine Bücher verbrannt worden, erzählte Franz Sichler in einem Rückblick. Zwar blieb die Beschlagnahmung nicht aus, doch mutige Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die zur damaligen Zeit eine eigene Bücherei mit politischer und klassischer Literatur betrieben haben, haben die Bücher zum Schutz unter der Erde vergraben und sie zu einer später Zeit wieder ausgegraben.

Musikalisch umrahmt von Anke Draugelates wurde anschließend aus „Das Kapital“ von Karl Marx (Alfred Wolfsteiner), „Herr Steins Reise nach München“ von Joachim Ringelnatz (Maximilian Kiss), „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers (Volker Liedtke), „Deutschland, ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine (Helmut Hey) und „Marschlieder“ von Erich Kästner (Andre Melchner) sowie „Das Lied vom Anstreicher Hitler von Bertolt Brecht (Tina Bauer) vorgetragen. Nach einer kurzen Pause ging das Programm wenig später mit den Werken „Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz“ von Kurt Tucholsky (Monika Kalischek), „Der Untertan“ von Heinrich Mann (Erich Zweck), „Teufel in Seide“ von Gina Kaus (Thomas Dobler) und „Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf (Hubert Heinzl) weiter.

Begeistert und erfreut dankte Franz Schindler den zahlreich anwesenden Bürgerinnen und Bürgern für ihr Interesse an der Veranstaltung und ihr kommen, ehe die etwa zweistündige Veranstaltung zu Ende ging.

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