"Eine eindringliche Warnung gegenüber allen menschenfeindlichen Tendenzen!"

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Am Habermeier-Haus werden Blumen abgelegt | © Hartl

24 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlags auf das Habermeier-Haus wurde mit einer Gedenkveranstaltung in der Mädchenrealschule an die schreckliche Tat erinnert und ein deutliches Zeichen für ein demokratisches und tolerantes Miteinander gesetzt.

Von Johannes Hartl

Ganze 24 Jahre ist es mittlerweile her, dass der bekennende Neonazi Josef Saller aus rassistischen Motiven heraus einen Brandanschlag auf das „Habermeier-Haus“ in der Schwandorfer Innenstadt verübt hat. Der Tat fielen mit Osman, Fatma und Mehmet Can (12) sowie Jürgen Hübener vier Menschen zum Opfer, sechs weitere in dem Haus wohnhafte Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Es war der 17. Dezember 1988 — ein Tag, den viele Menschen in ihrem ganzen Leben nie mehr wieder vergessen werden können. Längst zählt jener schicksalshafte Tag auch zu den Düstersten Kapiteln, die in der Geschichte der Stadt Schwandorf zu finden sind.

Trotzdem hat sich die Große Kreisstadt über lange Zeit hinweg sehr schwer mit dem Erinnern getan. Ein würdiges Gedenken, wie es nun seit vier Jahren stattfindet, war lange Zeit ausgeblieben. Erst seit dem Jahr 2009 hält die Stadt — maßgeblich auf Initiative des „Freien-Wähler“-Stadtrats Fredi Eraslan — eine jährlich wiederkehrende Gedenkveranstaltung für die Opfer des Brandanschlags ab. Auch in diesem Jahr erinnerte Schwandorf wieder an die rassistische Tat und gedachte der Opfer mit einer Gedenkstunde in der Mädchenrealschule St. Josef.

An der erstmals von den Schülerinnen der Mädchenrealschule organisierten Veranstaltung beteiligten sich Vertreter der Stadt Schwandorf, des Stadtrats, der türkisch-islamischen Gemeinde, der katholischen Kirche und evangelischen Kirche sowie Angehörige des „Schwandorfer Bündnisses gegen Rechtsextremismus“ und etliche Bürgerinnen und Bürger. Die Realschuldirektorin Marlies Hoffmann begrüßte zunächst die Anwesenden und sprach von „tief empfundener Trauer und großer Ehrfurcht“. Dass sie in diesem Jahr die Gedenkveranstaltung ausrichten dürften, sei „ehrenvoll“, sagte Hoffmann in ihrer Rede und fügte an: „Die Gedenkstunde ist eine eindringliche Warnung gegenüber allen menschenfeindlichen Tendenzen!“ Zugleich rief sie zu einem „beherzten Auftreten gegen neonazistische Aktionen auch in unserer Stadt“ auf und betonte, dass Schwandorf eine „bunte Stadt“ ist. Dazu würde auch die Mädchenrealschule beitragen, in dem sie „etwas tun gegen die Braunen, ihre Gesinnung, ihre Verführung und ihre Umtriebe“, schloss die Realschuldirektorin ihre Begrüßungsrede.

Ece Özturk Cil, die türkische Generalkonsulin aus Nürnberg, lobte in ihrem Beitrag anschließend die „Jugendarbeit gegen Rassismus, die sehr wichtig ist, um junge Menschen vor dieser Ideologie zu bewahren.“ Zudem prangerte sie die lange Verharmlosung von Rassismus und rechter Gewalt an und kritisierte die „Pannen“ bei den NSU-Ermittlungen, die einigen „Menschen auch das Leben gekostet haben“. Außerdem äußerte sie Dankbarkeit für die Bestrebungen der Stadt, eine Städtepartnerschaft mit der türkischen Stadt Karamüsel aufzubauen. Karamüsel war nämlich die Heimatstadt von drei der vier Opfer, bevor diese nach Deutschland gezogen sind. Ihren „Respekt“ gegenüber Leyla Kellecioglu brachte die türkische Generalkonsulin, deren Amtszeit bald enden wird, abschießend zum Ausdruck.

Der nächste Redner war Schwandorfs Oberbürgermeister Helmut Hey (SPD). Er bedankte sich bei Leyla Kellecioglu, die „trotz Trauer und Schmerz all die Jahre zwischen der Tat eines Einzelnen und der offenen und toleranten Gesinnung fast aller Bürger unserer Stadt differenzierte und ihren Lebensmittelpunkt in Schwandorf beibehalten hat.“ „Gerade vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Brandnacht und der Tatsache, dass in unserer Heimatstadt rechtsextremistische Gruppen immer wieder versuchen, Fuß zu fassen, um ihre menschenverachtenden und verfassungsfeindlichen Parolen zu verbreiten, sind wir alle aufgefordert, jeglichen Angriff auf die Achtung der Menschenwürde mit Entschlossenheit entgegenzutreten und unmissverständlich zu zeigen, dass unsere Stadt bunt ist und hier kein Platz für Extremismus ist“, appellierte Hey. Zudem dürfte man „nicht vergessen, wie schnell Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit entstehen können“ und müsse dafür Sorge tragen, dass „unsere Kinder vor rechtsextremistischen Gruppen“ geschützt werden. Seine Rede beendete der OB mit einem Aufruf zum Einsatz für „die Werte unserer Demokratie“: „Lassen Sie uns — jeder an seinem Platz und nach seinen Möglichkeiten — alles für ein friedliches Miteinander tun“.

Vor „der selben Gefahr wie vor 24 Jahren“ warnte Dr. Cafer Acar, Attache für Religionsangelegenheiten. „Wir haben eine gemeinsame Verantwortung gegen Rassismus und Diskriminierung“, so Acar, der in dieser Veranstaltung auch eine Gelegenheit sah, um ein gesellschaftliches Signal für „alle anderen Opfer rechtsradikaler Mordanschläge“ auszusenden. Seine Gratulation galt an diesem Tag all jenen, „die an dieser Veranstaltung mitgewirkt haben“ und dadurch auch dieses Gedenken ermöglicht haben. Nach einem Friedensgebet von Arne Langbein, dem Pfarrer der evangelischen Kirche in Schwandorf, und dem Iman der türkisch-islamischem Gemeinde begaben sich die Teilnehmer noch zum Habermeier-Haus, wo Blumen an der Gedenktafel mit der Aufschrift „Den Lebenden zur bleibenden Mahnung“ angebracht worden sind. Ehe die Veranstaltung schließlich ihr Ende fand, rief Stadtrat Ferdi Eraslan noch dazu auf, „Gesicht gegen jegliche Art von Rechtsextremismus“ zu zeigen — und machte deutlich, dass Neonazis in einer demokratischen Gesellschaft absolut nichts zu suchen haben.

Umrahmt wurde die Gedenkstunde von einem bunten Programm, das neben einigen musikalischen Darbietungen und einer szenischen Darstellung mit dem Titel „Brücke über Intoleranz“ auch eine Ausstellung des „Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus“ zum Thema „Rechtsextremismus im Internet“ beinhaltete. Dank der vielen bewegenden Reden und des überaus gelungen Programms, ist auch in diesem Jahr wieder ein lebendiges Gedenken gelungen, das zugleich als eindringliche Mahnung zu verstehen gewesen ist.

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