Kein Frei.Wild!


„Frei.Wild” in der Schweiz im April 2008, Urheber: Pakeha

Die Band Frei.Wild steht auf Platz 2 der deutschen Albumcharts. Die deutschsprachige Band aus Südtirol tourt nun durch die Bundesrepublik, spielt in den ganz großen Hallen. Frei.Wild ist in die Fußstapfen der »Böhsen Onkelz« getreten. Die Nazi-Vergangenheit des Sängers scheint – wie beim großen Vorbild – kein Hindernis zu sein, auf Festivals in diesem Sommer spielten Frei.Wild neben großen Bands. Publikative.org und Kein Bock auf Nazis meinen: Schluss damit!


Von Redaktion, Publikative.org

 

Im Gegensatz zu den großen Vorbildern der Onkelz, die praktisch jedwede politische Äußerung nach ihrem Ausstieg aus der Nazi-Skin-Szene vermieden und in ihren Songtexten keinerlei im engeren Sinne politischen Aussagen mehr trafen, halten sich Frei.Wild mit solchen Botschaften an Ihre Fans alles andere als zurück. So heißt es zum Beispiel in Wahre Werte von 2010:

 

„[…]Formen und Spalten, Die dein Ich-Gefühl zurückerstatten […],Da, wo wir leben, da wo wir stehen, ist unser Erbe, liegt unser Segen, Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache, für uns Minderheiten eine Herzenssache. […] Wir sind verpflichtet, dies zu bewahren, unser Tirol gibt’s seit 1200 Jahren. Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen, selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen. Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen, wenn ihr euch Ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen. […] Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk. […] Bräuche, Geschichten, Kunst und Sagen, sehe schon die Nachwelt klagen und fragen: Warum habt ihr das verkommen lassen? Die Wurzeln des Landes, wie kann man die hassen? Nur um es manchen recht zu machen, die nur danach trachten, sich selbst zu verachten.”

 

In diesen Zeilen steckt alles, was völkischen Nationalismus ausmacht: Die Bezüge auf ein »Erbe«, welches »bewahrt« gehöre und nicht »verkommen« dürfe; die Annahmen von Verwurzelung und organischer Zugehörigkeit, kulminierend in der Formel „Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache“. Obwohl – oder gerade weil – die Band sich offiziell „unpolitisch“ dünkt und „jeden Extremismus“ ablehnt, sind ihre Texte voll von solchen nationalistischen und völkischen Tönen.

 

Was genau Sänger und Songwriter Philipp Burger damit meint, wenn er davon spricht, dass all das „verkomme“, bleibt unausgesprochen. Allerdings wehrte sich Burger in der Vergangenheit auch mit politischem Engagement für eine Südtiroler Partei, die gegen Einwanderung und „Überfremdung“ kämpft. Auch an anderer Stelle, was Burger meinen könnte. So zum Beispiel, als er vor wenigen Wochen (am 20. September 2012) folgenden Witz (siehe Screenshot auf der rechten Seite dieses Absatzes) auf seinem Facebook-Profil teilt:

 

„Erster Schultag in Berlin. Der Direktor ruft die Schüler auf:
Mustapha El Ekhzerzi?
Anwesend!
Mohamed Endahra?
Anwesend!
Mel Ani El Sner?
Keine Antwort
Der Lehrer fragt noch einmal: „Mel Ani El Sner?”
Jetzt meldet sich ein Mädchen:
Wahrscheinlich bin ich gemeint, ich heiße Melanie Elsner“

 

Ja, da lacht das Herz des Provinzrassisten über die vermeintlich fremdvölkische Degenerierung der deutschen Hauptstadt. Burger weiß, was er seinen Hörer/innen und seinem Volk schuldet. Bereits in „Land der Vollidioten“ von 2009 hatte er ausgeführt, wie der Verlust der Heimat zustande kommt: Denn „die Vollidioten“ sorgen u.a. dafür, dass „Kreuze aus Schulen entfernt werden, aus Respekt vor den anders gläubigen Kindern“, wie Burger beklagt.

 

Auch auf der neuen Platte „Feinde Deiner Feinde“ finden sich reihenweise Versatzstücke, die nahtlos an rechtsradikale Diskurse anknüpfen. Gleich im ersten Stück heißt es:

 

„Wir haben’s getan

Wir haben’s gemacht

Wir haben Leute verdroschen

Über die Folgen nicht nachgedacht

Wir haben die Straßen der Stadt für uns in Anspruch genommen

Keine Gefangene gemacht
Wir haben gesoffen und geboxt

Standen oft vom Richter

Keine Reue, haben darüber gelacht“

 

Von Reue oder Mitgefühl für die Opfer keine Spur, stattdessen wird eine reine Schlägermentalität abgefeiert, die natürlich auch bei gewaltbereiten Neonazis auf Gegenliebe stößt. In „Wir reiten in den Untergang“ heißt es dann:

 

„Nichts als Richter

nichts als Henker

Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich
Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr

Und schon wieder lernten sie es nicht

Und sagst du mal nicht

Ja und Amen
Oder schämst dich nicht für dich
Stehst du im Pranger der Gesellschaft

Und man spuckt dir ins Gesicht

Und ganz vorne stehen die Ärsche

Unterm großen Heiligenschein
Liebevoll und Solidarisch

Treten sie lustvoll in dich rein“

 

Auch diese Zeilen sind sattsam bekannte Versatzstücke aus dem rechtsradikalen Milieu. Das arme Opfer ist der aufrechte deutsche Kämpfer, der seine Meinung nicht äußern könne, weil er von einer heuchlerischen Gesellschaft der Demokraten geknechtet werde. Dazu noch die Anspielung auf den „Stern“, den es heute nicht mehr gibt – fertig scheint das Abziehbild, mit dem Burger sich offenbar selbst zum „neuen Juden“ stilisieren will – ein rhetorisches Motiv, das in Neonazi-Publikationen zum Standard gehört.

 

Weiter geht es mit „Nur die Dummen sagen Ja und Amen“, wo es u.a. heißt:

 

„Es kehrt zurück
was irgendwann war
Und was verloren schien
Was viele dachten, doch nie sagten
Die Meinungsfreiheit war dahin

Jeder verstellte seine Worte

und Tabus blieben Tabus

Gewisse Themen waren verboten

im Land der Vollidioten

Nimm die Hand vom Mund, sag was Du fühlst

Wenn Du dagegen bist

Und wo Recht zu Unrecht wird
Wird der Widerstand zur Pflicht“

 

Es dürfte sehr schwerfallen, hierin keine lupenreine rechtsradikale Rhetorik zu entdecken. Dass die Meinungsfreiheit dahin sei, weil bestimmte Themen verboten seien, im „Land der Vollidioten“ – auch das kann  man in jeder zweiten Nazi-Postille lesen. Es handelt sich geradezu um klassische radikale Rhetorik gegen die vermeintlich verdorbene Demokratie. Es gibt sogar kaum eine andere Lesart, als diese Zeilen auf den Volksverhetzungsparagrafen und das Verbot der Holocaust-Leugnung zu beziehen – schließlich sind es de facto die einzigen „Themen“, die im heutigen Deutschland überhaupt verboten sein könnten. Das Ganze wird am Ende garniert mit der in Neonazi-Kreisen  mittlerweile mehr als beliebten Parole vom Widerstand, der zur Pflicht wird.

 

Schließlich wird dem Hass auf alles, was links oder politisch korrekt sein könnte, in „Gutmenschen und Moralapostel“ freier Lauf gelassen:

 

„Es gibt nur ihre Meinung und sie denken nur schwarz-weiß

Sie bestimmen was gut, was böse ist, sie sind das, worauf ich scheiß

Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen
Nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen

Nach außen Saubermänner, können sie jeden Fehler sehen

Sind selber die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen

Ich scheiß auf Gutmenschen, Moralapostel

Selbsternannt, political correct
Der die Schwachen in die Ecke stellt
Und dem Rest die Ärsche leckt

Ich scheiße auf Gutmenschen, Moralapostel

Selbsternannt, sie haben immer Recht

Die Übermenschen des Jahrtausends

Ich hasse sie wie die Pest“

 

Wer mögen die „größten Kokser“ sein, die „zu Kinderstrichern gehen“? Und wer lässt Geschichte nicht ruhen, um sich daran zu bereichern? Mit einem Augenzwinkern darf jeder Neonazi hier verstehen, was er verstehen will, nämlich beispielsweise, dass die Juden, die zu Kinderstrichern gehen, die Deutschen knechten, um sich am Holocaust zu bereichern. Wohlgemerkt: Explizit ausgeführt wird dies nicht, es reichen offenbar schon Versatzstücke.

 

Die Fans von der NPD


Dass dies in Nazi-Kreisen auf Gegenliebe stößt, kann kaum verwundern. Und so werden Frei.Wild – entgegen ihrer eigenen Behauptungen – natürlich in diesen Kreisen gehört und gefeiert. NPD-Funktionär Patrick Schröder, der ein eigenes Web-TV-Format betreibt, würdigte die neue CD der Band in seiner letzten „Sendung“ ausgiebig und spielte einzelne Songs. Er war sich mit seinem vermummten Co-Moderator einig, dass die von der Band vertretenen Werte eine so große Übereinstimmung zur eigenen Ideologie aufwiesen, dass man über die wenigen Distanzierungen zum Neonazi-Spektrum großzügig hinwegsehen könne. Die Band sei „zwar nicht 100 % auf Linie des nationalen Widerstandes“, aber „das kann man auch nicht erwarten“, dafür sei der öffentliche Druck zu groß.

 

Alle Anrufer in der Sendung bekannten offen und begeistert zu der Band und gaben an, dass deren Musik ein prima Vehikel sei, um „unsere Inhalte auf der Arbeit, im Kollegenkreis“ oder bei Bekannten zu verbreiten. Man „komme ins Gespräch“ über einzelne Songs und von da aus gehe es dann weiter. Ein Anrufer sagte, die Distanzierungen der Band seien ihm völlig egal, denn „haben wir solchen Zulauf, dass wir es uns leisten könnten, da jedes Wort auf die Goldwaage zu legen?“. Stattdessen solle man sich freuen, ein so riesiges Propagandavehikel für nationale Inhalte praktisch frei Haus geliefert zu bekommen. Daran anknüpfen müsse der Nationale Widerstand dann schon selbst, Frei.Wild würden den Boden dafür bereiten. Was die Nazis mit der Band aus Brixen teilen, wird auch in deren Heimathymne Südtirol deutlich, in der es u.a. heißt:

 

„Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik

an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist“

 

Kritik an der Heimat wird nicht geduldet, und wem es nicht passt, der oder die soll abhauen. Noch präziser lässt sich ein völkisch-nationalistisches Ressentiment kaum auf den Punkt bringen.

 

Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 veranlasste Burger ein Foto, das eine abgebrochene Deutschlandfahne an einem Auto zeigt, die ein unbekannter Aktivist durch einen Flyer gegen Nationalismus ersetzt hatte, zu folgendem Statement:

 

„Leider Gottes ist Deutschland auf einem Weg, der jedem Verstand mit Bravour den Atem raubt. Ganz ehrlich, das ist die logische Konsequenz dieser ›Wir alle müssen ewig für die Taten unserer Vorfahren büßen‹-Politik!!! Aber man wollte es so, hat Kinder so erzogen und trägt nun die Konsequenz, selber schuld!!! Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Italiener, Russen, Amerikaner oder zum Beispiel auch Chinesen ihrer Herkunft geschämt hätten, obwohl deren Diktatoren und Regime gleich viele und um viele Millionen Menschen mehr auf dem Gewissen haben, als es unter Scheiß-Hitler-Deutschland der Fall gewesen ist.  […] Auch macht man Vergangenes nicht ungeschehen, indem man schon seit Jahrzehnten davon finanziell Profitierende, lechzend nach einer Daseinsberechtigung für ihr klägliches Dasein, weiter unterstützt und ihre Meinung blind unterstreicht, nur um ja nicht dagegen zu pissen.“

 

Der Journalist Thomas Kuban, der seit Jahren über die rechtsextreme Musik-Szene berichtet, kommt in seinem Buch „Blut muss fließen” zu dem Ergebnis: „Frontmann Philipp Burger ist der erste Rechtsrockstar im klassischen Sinne, denn sein Wirken ist auf keine Szene beschränkt, er erreicht auch das bürgerliche Spektrum, ohne dass sich bislang politischer oder zivilgesellschaftlicher Widerstand regen würde. Frei.Wild verkauft und etabliert Nationalismus und Anti-Antifaschismus als hippe Protestkultur.“

 

Ein Jahr nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorserie geht diese Band in Deutschland auf Tournee, spielt in den großen Hallen. Schluss damit! Wir fordern alle Bands, Labels und Veranstalter auf, nicht mehr mit Frei.Wild zusammenzuarbeiten! Wir wollen kein Frei.Wild!

Kein Frei.Wild sind zudem: Feine Sahne Fischfilet, Frittenbude, Egotronic, Audiolith, Twisted Chords, Spring Ducks, Das Bierbeben, Station 17, Livegigs.de, Ox-Fanzine, Notgemeinschaft Peter Pan, Beate X Ouzo, tasse milch recorda, Turbojugend Eslo, Punkrock! Fanzine, Zeitstrafe, Stage Bottles, Grizou, Mondo Bizarro, Auf Bewährung, Krawehl, Sin Fronteras, Uga Uga Tapes, Skankshot, Operation Semtex, Pinkmacabre.de, Zeckendruck.de – weitere Labels, Fanzines und Bands dürfen sich gerne melden.


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4 Gedanken zu “Kein Frei.Wild!

  1. tom22 schreibt:

    Warum gibt es dann Anti Nazi Songs und Textzeilen von Frei.Wild wenn sie doch so rechts sind wie ihr meint.Bei jedem Konzert von Frei.Wild wird man auf T-Shirts oder tättowierungen von rechtsextremen Bands?Zeichen durchsucht.Wer ein solches Shirt bzw. Tattoo hat,hat Konzertverbot.Warum müsst ihr immer solche Deutschrockbands die gerade hochkommen in die rechte Ecke drängen und irgendwelche Textzeilen zerreissen und für euch irgendetwas zusammenreimen?Wenn man das Anfämgt findet man bei euren alternden Hosen und Ärzte bestimmt auch was wenn man will.Lasst uns unsere Musik und auch gefälligst unsere Ruhe.Dies ist das Land der Vollidioten!!!

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  2. Tobi19 schreibt:

    Welcher Vollidiot hat diesen Text geschrieben ? Absolut verblödet der Typ!!!! Nur auf der Couch sitzen und sich seine Meinung aus der BILD holen . Hör dir die Texte mal genau an bzw les dir die Texte durch und nimm nicht nur Ausschnitte !!! Hoff du liest diesen Text und machst dir Gedanken. Der Text der von dem Lied “ Land der Vollidioten“ ist genau auf deinen Leib geschnitten.

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  3. Carsten 42 schreibt:

    Diese Hetze gegen Frei.Wild ist ein Skandal.Man muß sich echt schämen für solche dummen aussagen.Mit der Wahrheit hat das nicht ihm geringsten zu tun.Tipp: Vieleicht sollten sich diese Leute mal die mühe machen mit der Band selbst zu sprechen oder mal den Fanclub befragen.

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