Aktionstag an der Wirtschaftsschule: Woran erkennt man einen Neonazi?

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© Ursula Hildebrand/wochenblatt.de

Woran erkennt man einen Neonazi? Diese Frage stellt heute sehr viele Menschen bereits vor die ersten Probleme. Springerstiefel und Glatze, das war einmal. Heute agieren die Mitglieder der Szene viel subtiler.

Von Ursula Hildebrand, Schwandorfer Wochenblatt

Günter Kohl, Lehrer am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf, und Alexandra Schichtl von der FOS/BOS – beide sind auch Regionalbeauftragte der Regierung für Demokratie und Toleranz – wissen, dass viele Codes der rechten Szene aber trotzdem durchschaubar sind. Aber eben nur, wenn man sie auch kennt. Zahlen auf einem T-Shirt zum Beispiel kommen zunächst ganz harmlos daher und erinnern an Sportler-Trikots. Doch eine 18 bedeutet nichts anderes als der erste Buchstabe (A) und der achte Buchtstabe (H) des Alphabetes – Adolf Hitler. Eine 88 bedeutet analog hier den Hitlergruß. Und eine 28 steht für „Blood and Honour“, ein rechtsextremistisches Netzwerk.  Und hier staunen die Schülerinnen und Schüler der Wirtschaftsschule in Wackersdorf am Mittwoch, 14. Dezember, nicht schlecht, denn auch sie haben die Zahlen auf den Kleidungsstücken bisher als harmlos eingestuft. Und natürlich ist auch nicht jeder, der sich völlig unbedarft eine Jacke oder ein Shirt mit der 18 drauf kauft gleich ein Nazi, aber in der Szene selbst haben diese Zahlen eindeutige Bedeutungen.

Auf dem Projekt-Plan stand auch die Frage nach den Vorurteilen: Wie entstehen sie? Und wie kann man sie überwinden? Ein Rollenspiel sollte den Schülerinnen und Schülern zeigen, wie es ist, plötzlich einer Randgruppe anzugehören, diskriminiert und vorverurteilt zu werden. Eine Schülerin, die in die Rolle einer Hartz-IV-Empfängerin schlüpfen sollte, reagierte sehr emotional, als sie mit den Vorurteilen konfrontiert wurde, berichtete Kohl. Wie schnell aus solch einfachen Vorurteilen und kleinen Diskriminierungen Rassismus werden kann, das wurde den Schülerinnen und Schülern dann schnell klar.

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© Ursula Hildebrand/wochenblatt.de

Am Ende des Tages waren alle begeistert: Günter Kohl und Alexandra Schichtl, weil die Klasse so hervorragend mitgemacht hat – und die Gruppe, weil sie nun mehr Informationen über die Szene erhalten haben. „Das war cool“, bricht es aus einem der Schüler heraus. „Ich weiß jetzt mehr als vorher“, sagt eine Schülerin, „Ich bin um eine Erfahrung reicher“, bekennt eine andere.

Hintergrund des Aktionstages an der Wirtschaftsschule in Wackersdorf war ein Vorfall aus dem Oktober dieses Jahres. Damals wurde von der Pfarrei St. Stephanus aus ein Musical aufgeführt. Ein behindertes Mädchen wird in der fiktiven Geschichte verspottet und ausgegrenzt. Der Heilige Stephanus greift ein und so kommt es zur Versöhnung. Im Rahmen dieses Musicals hatten die Kinder vor der Kirche aus Kieselsteinen das Wort „Freundschaft“ gelegt. In der Nacht dann ereignete sich das Unglaubliche: Ebenfalls aus Kieselsteinen wurde vor der Kirche ein Hakenkreuz gelegt. Pfarrer Hubert Bartel betonte, dass das Hakenkreuz alleine schon schlimm genug gewesen ist, doch der Zusammenhang mit dem Musical mache das Ereignis noch brisanter. Ein behindertes Kind nämlich hätte unter dem System des Hakenkreuzes keine Chance gehabt. Er würde es begrüßen, wenn solche Aktionstage öfter und an vielen Schulen stattfinden könnten. Da stieß er bei Günter Kohl und Alexandra Schichtl auf offene Ohren. Und zumindest in der Mittelschule in Wackersdorf dürfte es demnächst einen solchen Tag geben.

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