Rattenfänger in Facebook – Wie durch eine Facebook-Frage auch gewöhnliche Nutzer rechtsextreme Propaganda weiterverbreiten

Screenshot4Foto: Screenshot

Bereits drei meiner Facebook-Freunden haben die Frage „Wie sollen Kinderschänder bestraft werden?“ mittlerweile beantwortet – über 223.000 andere Personen ebenso. Doch viele wissen nicht, dass sie damit ganz unbewusst eine geschickte und gut getarnte rechtsextreme Facebook-Seite unterstützen.

Von Johannes Hartl

Das Thema „Kinderschänder“ wird von der NPD und anderen rechten Kräften immer wieder gerne benutzt, um neue Anhänger zu mobilisieren. Der Grund dafür ist denkbar simpel: viele Bürger sind nämlich ebenfalls der Auffassung, dass Straftäter, die sich an Kindern vergehen, in unserem Justizsystem zu lasch bestraft werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Rechten in diesem Punkt somit beipflichten, ist also dementsprechend hoch – und darüber sind sich natürlich auch die leitenden Kader im Klaren. Geschickt versuchen sie deshalb, daraus Kapital zu schlagen und eine möglichst breite Anhängerschaft von ihren Zielen zu überzeugen. Und das gelingt immer wieder erstaunlich gut, wie sich am Beispiel der Facebook-Seite „Keine Gnade für Kinderschänder“ überaus deutlich zeigt.

Seit unserem letzten Bericht hat sich wenig geändert. Waren es im August dieses Jahres noch rund 35.000 Nutzer, denen die Seite gefiel, so sind es aktuell bereits rund 43.000. Die Inhalte nach wie vor menschenverachtend, rassistisch und NPD nah. Die hohe Anzahl an Unterstützern ist deshalb für viele engagierte User nach wie vor unverständlich und nicht zu erklären.

Umso besorgniserregender ist es aber, dass neuerdings auf Facebook auch die Frage „Wie sollen Kinderschänder bestraft werden?“ auftauchte und sich über eine breite Beteiligung freuen kann. Ein Blick auf den Fragesteller fördert zu Tage, wer dahinter steckt: „Keine Gnade für Kinderschänder“. Ein weiterer Blick auf die Anzahl derer, die sich daran bereits beteiligt haben, offenbart hingegen erschreckendes: über 223.000 Menschen haben schon abgestimmt. Davon entfielen rund 160.000 Stimmen auf die Antwortoption „Todesstrafe“, gefolgt von 31.000 Stimmen für „Lebenslange Haft inkl. Schwerstarbeit“ und an dritter Stelle „Chemische Kastration“ mit über 14.000 Stimmen.

Sicherlich sind die wenigsten Personen, die sich an dieser Umfrage beteiligt tatsächlich rechts gesinnt oder gar einer rechten Gruppierung zuzuordnen. Viele beteiligten sich schlicht aus Unwissenheit an diesem perfiden Versuch unbescholtene Facebook-Nutzer von rechtem Gedankengut zu überzeugen und für die Weiterverbreitung einzuspannen.

Dadurch, dass man sich an der Umfrage beteiligt, erscheint die Frage und die jeweilige Antwortoption auf der eigenen Pinnwand, gut sichtbar für Freunde. Sieht ein Freund das und fühlt sich davon angesprochen, stimmt auch er ab und wieder ist die Frage auf einer anderen Pinnwand sichtbar. Kurzum: ein nicht mehr zu stoppender Prozess der Weitverbreitung kommt ins Rollen und vom wem die Frage stammt, interessiert schnell niemanden mehr. Die meisten handeln ganz nach dem Motto: „Mein Freund hat auch abgestimmt, das wird schon nichts schlechtes sein“. Selbst die Tatsache, dass viele Antworten nicht Verfassungskonform sind, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit. De facto verbreiten also auch ganz gewöhnliche Bürger rechtsextreme Facebook-Seiten, da sie auf ein sehr geschicktes Konzept der Propaganda hereinfallen.

Am Ende bleibt nichts anderes als ein erschrockenes Fazit zu ziehen. Denn die Rechten haben genau das erreicht, wovon sie immer geträumt haben: Breite öffentliche Zustimmung für ihre fragwürdigen Ziele. Dass ihnen das letzten Endes nur im World Wide Web und nicht auf der Straße gelungen ist, stellt dabei kaum einen Trost dar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s